Gewerkschaften, Menschen, Medien und Solidarität

Da es in diesen Wochen in den Medien ja nur ein einziges Thema gibt, möchte auch ich mich einmal zum GDL Streik äußern. Ich habe diese ganze Kontroverse in den vergangenen Tagen auf den verschiedensten Onlineformaten verfolgt (Spiegel, Zeit, Welt, DWN) und mir neben den eigentlichen Artikeln auch die Kommentare durchgelesen. Und ich bin noch immer schockiert!

Klar sind Streiks für die betroffenen dritten keine so schöne Sache und ich kann die Verärgerung auch nachvollziehen. Ich selbst muss sowohl heute, als auch am Wochenende sowohl berufliche, als auch private treffen absagen (weil keine S-Bahn). Aber der Hass, der sich an vielen Stellen im Internet entlädt ist für mich völlig unverständlich! Aber dazu später mehr.

Um die Nerven wieder etwas zu beruhigen lohnt es sich den Konflikt aus der Sachperspektive zu betrachten und auch einige geschichtliche Fakten zu erörtern:

Die GDL ist DIE Älteste Gewerkschaft in Deutschland. Sie wurde kurz nach den Ersten Weltkrieg nur dadurch gegründet, weil es in der Verfassung der Weimarer Republik ein Streikrecht für Beamte gab (damals war man halt schon weiter als heute). In ihrer heutigen Form gibt es die GDl seit 1990. Was hat die Gewerkschaft nun falsch gemacht? Sie möchte mittlerweile nicht mehr nur die Lockführer vertreten, sondern auch anderes Zugpersonal. Darf sie das denn? Die Antwort erhält man, wenn man sich denn die Mitglieder der Gewerkschaft etwas genauer ansieht.

Lauf der Deutschen Bahn beschäftigt ca. 37.000 Mitglieder im Bereich der Zugführer, wovon 19.000 GDL angehören und 8.000 der EVG (die größere Konkurrenzgewerkschaft, die übrigens schon mehrmals dichtgemacht hat und neu eröffnet wurde). Warum die Mehrheit der Zugführer bei der GDL sind lässt sich recht einfach erklären. Als die Transnet (das war die EVG früher) kräftig bei der Privatisierung der Bahn mitgeholfen hat sind Ihnen die Mitglieder reihenweise davon gelaufen (so lange bis sie den Laden dicht machen konnten).

Was ist nun eigentlich das Problem?

Das Problem ist, dass die GDL neben den Lokomotivführern auch andere Angestellter betreuen will. Das kann man nachvollziehen, denn schließlich gehören der GDL nicht nur Lockführer, sondern auch anderes Zugpersonal an. Wenn diese Arbeitnehmer der GDL angehören, sollte diese sie auch Vertreten können. Wenn Sie das nicht darf, dann brauchen wir keine Gewerkschaften. Die Bahn hat dem in Ihren Verhandlungspapier grundsätzlich zugestimmt. Mit einem Haken: Wenn die EVG dem widerspricht (was sie logischerweise machen wird), dann gelten weiterhin die ausgehandelten Verträge mit der EVG. Die Bahn wäre also fein raus, weil sie alles auf die EVG abschieben kann. Die Bahn will sowieso viel lieber die EVG als Gewerkschaft. Warum Sie das will erkläre ich jetzt.

Das Problem mit den Gewerkschaften

Vorweg muss ich sagen, dass ich jetzt nur meine subjektive Meinung zur Lage der Nation äußere!

Die EVG hat genau dasselbe Problem wie alle anderen großen Gewerkschaften auch. Sie ist vollends von der Politik unterwandert worden (zur Politik äußere ich nicht jetzt nicht, sonst würde ich hier ein Buch schreiben). Am Beispiel der EVT (oder Transnet) kann mehr die Gesinnung der Gewerkschaft sehr gut ausmachen. Bereits 2007 stimmte die Gewerkschaft einen Tarifvertrag der Bahn zu bei dem neue Lockführer mit 7,50 € bezahlt werden sollen (ob Brutto oder Netto, so pingelig wollen wir gar nicht sein). Das ganze geschah, obwohl doch die Lockführer von einer anderen Gewerkschaft vertreten wurden. Um dies zu entkräften stellte man die neuen Lockführer nun nicht mehr als Lockführer, sondern als „Mitarbeiter mit eisenbahnspezifischer Ausrichtung“ ein.

Geiles Ding oder? Chef der Gewerkschaft waren in dieser Zeit ausschließlich SPD Mitglieder (von der SPD hätte ich echt mehr erwartet). Aber die Sozialdemokratie wurde ja bereits mit Schröder zu Grabe getragen.

Das Problem ist, dass die Gewerkschaften keinen Biss mehr haben! Statt für die Arbeitnehmer zu kämpfen, erfinden sie gemeinsam mit den Arbeitgeberverbänden jedes Jahr eine neue Ausrede warum die Tariflöhne nicht im gleichen Maß wie die Produktivität erhöht werden können. Das Problem ist, dass die Gewerkschaften durch Ihre Unterwanderung mittlerweile genau so verkommen ist, wie die Politik in Europa! Während die sozialen Spannungen werden immer größer werden, kriegen einige den Hals nicht voll. Die Menschen sind mittlerweile egal geworden. Auch den großen Gewerkschaften und Parteien sind die Menschen, die sie vertreten sollen egal. Das kann ich fast jeden Tag beobachten.

Und nun wagt es tatsächlich eine kleine, unbedeutende Gewerkschaft für Ihre Mitglieder zu kämpfen und Ihr von der Verfassung gegebenes Grundrecht wahrzunehmen! Das dies von Seiten der Industrie und Politik auf Argwohn trifft ist da schon fast natürlich. Jetzt komme ich dazu, wie sich dies in der Gesellschaft manifestiert.

Die Medien und die Menschen

So sehr ich die Medien in unserem Lande schätze, so seltsam ist deren Handlungsweise in diesem Fall. Nicht nur, dass alle MSM kollektiv und völlig subjektiv in eine gezielte Richtung schlagen. Wenn ich mir diese ganzen Artikel mal durchlese, kann ich durchaus schon von Hetze reden, die hier gemacht wird. Vielleicht ein Geschenk an die Politik, die die Verlage ja extra aus dem Mindestlohn ausgegrenzt hat…

Ein paar Beispiele für die Hetze können ja mal aufgezählt werden:

  • Die Bildzeitung veröffentlicht die Telefonnummer und ruft dazu auf „Herrn Weselsky die Meinung zu geigen“. Man beachte das Wort „geigen“, was dem Satz eine gewisse Aggressivität verleiht.
  • Der Focus hat seine Adresse ausgemacht und zeigt in Artikeln das Haus sowie das Klingelschild und fordert ebenfalls dazu auf Herrn Weselsky die Meinung zu sagen. Hallo Privatsphäre?! Ich kann doch als Massenmedium die Menschen nicht dazu auffordern jemanden zu terrorisieren!! Hoffentlich geht das nicht nach hinten los lieber Focus…
  • Die Süddeutsche Zeitung macht Hitler vergleiche. Das sagt eigentlich schon alles.
  • Der Spiegel, unser intellektuelles Käseblatt, zitiert irgendwelche Tweets, die mit dem Streik zu tun haben. Vielleicht haben die Redakteure endlich gemerkt, dass sie zu richtiger Journalistischer Arbeit nicht fähig sind…

Im großen und ganzen bin ich sehr enttäuscht darüber, dass sich niemand in den großen Verlagen die Zeit genommen hat, die ganze Geschichte subjektiv zu betrachten und ordentlich aufzuarbeiten (also das zu tun, was ein Journalist eigentlich tun sollte).

Noch schlimmer als die eigentliche Berichterstattung fand ich die Kommentare in den Foren. Selten habe ich so viel komprimierten Narzissmus gesehen. Die Foren sind dabei das Spiegelbild der Gesellschaft. Der allgemeine Tenor lautete grob: „Das sollte man verbieten! Jetzt komme ich nicht nach XXX. Was nehmen die sich eigentlich raus, mehr Geld und weniger Arbeiten. Die sollte man alle Entlassen!“.

Leider gibt es in unserer Gesellschaft absolut keine Solidarität mehr. Alle denken nur noch an sich und genau die Leute, die sich ständig über den ausufernden Niedriglohn Sektor beschweren, wollen nun Gewerkschaften verbieten (Hey,warum verbrennen wir dann nicht gleich wieder Bücher?). Weil Sie einmal nicht von A nach B kommen! Oder einfach gesagt weil es sie betrifft. Das es hier aber nicht nur um die Lokführer geht, sondern um ein Verfassungsgebendes Recht (wir wären von den Arbeitsbedingungen ohne Gewerkschaften nicht da, wo wir heute sind), nich nur für die Bahner, sondern für ALLE Arbeitnehmer in Deutschland, das sieht keiner. Im Gegenteil, nun gibt es schon Facebookgruppen mit den Namen „Hooligans gegen Zugführer“.

Weil jeder nur noch auf sich selbst fixiert ist. Frei nach dem Motto „Wenn es mich nicht betrifft, ist mir egal was auf der Welt los ist.“. Genau eine solche Einstellung kann den Arbeitnehmern alle Rechte kosten, die sie sich über Jahrzehnte erkämpft haben! Die Politik hat sich ja schon eingeschaltet und die Absicht erklärt das Streikrecht einzuschränken.

Es kommt auch absolut niemand auf die Idee, dass jemand anders schuld sein könnte als die GDL, nein als Herr Weselsky. Es hat ja schließlich in Deutschland Tradition, dass immer nur einer an allem schuld ist. Auch über die Bahn, die nach Ihrer Privatisierung den Gewinn (auf welche kosten?) glatt verdoppelt hat kommt auch niemand. Die Manager in der Chefetage, die nach dem völlig veralteten Aktienrecht (das geht hier in Deutschland noch auf Napoleon zurück) Entscheidungen treffen müssen (nicht zu Gunsten des Unternehmens, sondern zugunsten der Aktionäre) und mittlerweile auch schon so korrupt sind, dass sie sich nur noch selber die Taschen vollstopfen. Diese Manager haben eigentlich dafür zu Sorgen, dass der Laden läuft.

Warum läuft denn dieser besch…eidene Laden nicht!?

Ok, ich merke gerade, dass ich schon wieder viel zu viel schreibe. Also belasse ich es erst mal dabei. Bitte denkt daran, es geht nicht um die Lokführer. Es geht um Arbeitnehmerrechte, um Fairness und um Zusammenhalt in der Gesellschaft. Ein Streik muss schmerzen, damit etwas passiert. Auch mich schmerzt es, dass ich am WE Verabredungen absagen muss, aber ich bin zum Glück noch nicht so selbstbezogen und habe noch genug Empathie um die zusammenhänge zu erkennen.

Last Euren Frust nicht an den Bahnmitarbeitern aus, lasst ihn an den Politikern und Unternehmen aus, indem Ihr ihnen bei der nächsten Wahl/Einkauf ein Zeichen sendet. Ihr seid die Kunden, Ihr seid das Volk.

Euer Mario

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